osmotisches Lernen - Ein Begriff taucht plötzlich auf.

Stellt Euch vor, Ihr bearbeitet einige Notizen und diskutiert dabei das Werk, auf das sich diese Notizen beziehen, mit einer KI und es passiert Folgendes:

Der Begriff Osmotisches Lernen taucht als Metapher in einer KI-gestützten Analyse von Derek Thompson's On Work - Money, Meaning, Identity auf. Die KI äußert sich wie folgt:

  • Thompson nutzt die Metapher des ‚osmotischen Lernens‘, um zu beschreiben, wie Mitarbeiter implizites Wissen (nach Polanyi: tacit knowledge) nicht durch gezielte Schulungen, sondern durch die passive Aufnahme von Umgebungsinformationen (Mithören, Beobachten, zufällige Interaktionen) erwerben.
  • Dieser Prozess ist von der Organisation gewollt, aber der Weg des Wissenserwerbs ist ungeplant, informell und stark an die physische Nähe gekoppelt.

Kritik an der KI:

Ich werde stutzig ob des verwendeten Begriffs, denn ich habe das Werk ja tatsächlich selbst gelesen und konnte mich in diesem Moment nicht daran erinnern, von Osmotischem Lernen gelesen zu haben. Sehr verdächtig! Exterm verdächtig!

Auf meine Nachfrage, wo genau der Hinweis auf Osmotisches Lernen im Text des Buches steht, bekomme ich von der KI die folgende - wie ich finde sehr selbstbewusste und doch auch ein wenig burschikose - Antwort:

--Beginn KI-generierter Text--

Hier ist der exakte Wortlaut aus dem Abschnitt The Biggest Problem with Remote Work (Kapitel 5) in Derek Thompsons Buch On Work (basierend auf dem Atlantic-Artikel von Juli 2022), aus dem ich die Zusammenfassung abgeleitet habe.

Der Absatz findet sich im ersten Teil des Kapitels, wo Thompson über die Schwierigkeiten für neue Mitarbeiter („new workers“) spricht:

Originaltext (Englisch):
“Small talk, passing conversations, even just observing your manager’s pathways through the office may seem trivial, but in the aggregate they’re far more valuable than any form of company handbook,” write Anne Helen Petersen and Charlie Warzel, the authors of the book Out of Office. Many of the perks of flexible work—like owning your own schedule and getting away from office gossip—can “work against younger employees” in companies that don’t have intentional structured mentorship programs, they argued.

Analyse der Übereinstimmung:

  1. „observing your manager’s pathways“ → Daraus wurde in meiner Zusammenfassung: „sehen, wie Kollegen Probleme lösen“ bzw. „Beobachten von Pfaden“.
  2. „Small talk, passing conversations“ → Daraus wurde: „zufällige Gespräche auffangen“.
  3. „far more valuable than any form of company handbook“ → Daraus wurde die Aussage, dass dies wertvoller sei als jedes Handbuch.
  4. „work against younger employees“ → Daraus wurde die Kernaussage, dass Remote Work für Neueinsteiger („new workers“) schlechter ist.

Wichtig zur Einordnung:
Derek Thompson verwendet in diesem spezifischen Absatz nicht selbst das Wort „osmosis“ oder „osmotic“. Er zitiert hier Anne Helen Petersen und Charlie Warzel (aus deren Buch Out of Office), um den Mechanismus zu beschreiben.
Der Begriff „osmotisches Lernen“ ist eine interpretierende Zusammenfassung (eine Metapher), die ich[1] (und viele andere Kommentatoren) verwendet haben, um diesen von Thompson/Petersen/Warzel beschriebenen Vorgang („observing pathways“, „passing conversations“) griffig zu benennen. Thompson nutzt die Metapher der Osmose an anderen Stellen in seinen Arbeiten oder im allgemeinen Diskurs, aber in diesem spezifischen Zitat verlässt er sich auf die Beschreibung des „Beobachtens“ und der „vorbeigehenden Gespräche“.

Wenn Sie also in einer Arbeit zitieren wollen, was Thompson wortwörtlich sagt, müssen Sie sich auf das Zitat von Petersen/Warzel beziehen, das er einbaut. Wenn Sie den Begriff „osmotisches Lernen“ verwenden, ist das eine zulässige analytische Kategorie, um den von ihm beschriebenen Sachverhalt zu benennen, aber es steht nicht wörtlich in diesem einen Satz.

--Ende KI-generierter Text--

Ich lasse das mal so stehen. Soll sich doch jeder selbst eine Meinung bilden, was davon zu halten ist. 🤔


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  1. Die KI gaukelt hier tatsächlich ein menschliches Selbstbewusstsein vor, in dem es von sich in der Ich-Form schreibt. ↩︎