Kritik an Workism
Thompsons Fazit zum Thema Workism
Thompson plädiert nicht für eine „Welt ohne Arbeit“, sondern für „Arbeit ohne Workism“.
Er wünscht sich eine Gesellschaft, in der:
- Arbeit wieder als das gesehen wird, was sie ökonomisch ist: ein Mittel zum Lebensunterhalt und ein Beitrag zur Gesellschaft, aber nicht die einzige Quelle der Identität.
- Menschen wieder lernen, Sinn in Hobbys, Gemeinschaft, Familie und Muße zu finden.
- Die Politik Rahmenbedingungen schafft (wie kürzere Arbeitszeiten oder soziale Absicherung), die es den Menschen erlauben, ein ausgewogenes Leben zu führen, ohne sich als Versager zu fühlen, wenn sie nicht 80 Stunden pro Woche „ihre Berufung“ leben.
Kurz gesagt: Thompson sieht im Workism eine spirituelle und soziale Sackgasse, die uns unglücklich macht und die Gesellschaft anfällig für die kommenden ökonomischen Umbrüche macht.
Insofern übt Derek Thompson in seimen Buch On Work - Money, Meaning, Identity scharfe Kritik an den gesellschaftlichen Folgen des „Workism“. Er betrachtet Workism nicht als positiven Trend, sondern als eine dysfunktionale „Religion“, die sowohl dem Einzelnen als auch der Gesellschaft schadet.
Hier sind die zentralen Punkte seiner Kritik, basierend auf dem Text von On Work - Money, Meaning, Identity:
1. Unerfüllbare Erwartungen und kollektives Elend
Thompson argumentiert, dass wir unseren Jobs Aufgaben aufbürden, die nicht erfüllt werden können.
- Das Problem: Wir erwarten von der "Arbeit", dass sie uns Gemeinschaft, Transzendenz, Sinn und Selbstverwirklichung bietet – alles Dinge, die historisch im Wesentlichen von Religion, Familie oder lokalen Gemeinschaften geliefert wurden.
- Die Folge: Da der Arbeitsmarkt (nach wie vor) primär auf Effizienz und Profit ausgelegt ist und nicht auf die Erfüllung der vorgenannten urmenschlichen Bedürfnisse (selbst wenn genau dieser Trend in aktuellen Stellenausschreibungen weitläufig erkennbar zu sein scheint), ist die Enttäuschung vorprogrammiert (falls irgendwann der Markt zuschlägt).
Dies führt zu einer Epidemie von Burnout, Angstzuständen und Depressionen. Wer seine ganze Identität in den Job legt, erleidet eine existenzielle Krise, sobald der Job - entgegen bei Einstellung postulierter schöner und immerwährender Aussichten - doch langweilig wird, doch stressig ist oder doch verloren geht.
2. Vernachlässigung anderer Lebensbereiche
Workism führt dazu, dass andere essentielle Säulen des menschlichen Lebens verkümmern.
- Familie und Freunde: Die obsessive Hingabe an die Karriere geht - schon länger erkennbar daher kaum verwunderlich - zulasten von Zeit für Partner, Kinder und Freunde.
- Gesellschaftlicher Zusammenhalt: Wenn das Büro zur einzigen Gemeinschaft wird, führt der Verlust des Jobs (oder der Wechsel zu reinem Remote Work ohne Ersatzstrukturen) zu extremer Einsamkeit und sozialer Isolation - was wir in der Pandemie ja durchaus beobachten konnten.
Thompson verweist auf konkrete Beispiele in den USA, wo der Verlust von Arbeitsplätzen in Regionen nicht nur Armut, sondern den kompletten Zerfall des sozialen Gefüges und einen Anstieg von Selbstmordraten zur Folge hatte.
3. Ungleichheit und eine „Kaste der Workisten“
Thompson kritisiert, dass Workism besonders die Elite erfasst hat, was die Ungleichheit verschärft.
- Die neue Elite: Früher arbeiteten die Reichen weniger. Heute definieren sich die reichsten und gebildetesten Amerikaner (und andere Eliten) über ihre extremen Arbeitszeiten. Arbeit geriert sich zum Statussymbol zu werden oder ist es schon.
- Folge für die Gesellschaft: Diese Haltung sickert nach unten und setzt junge Menschen (besonders Millennials) unter enormen Druck, ebenfalls ihr Leben vollständig der Arbeit zu unterwerfen, oft bei stagnierenden Löhnen und hohen Schulden. Es droht eine Kultur, in der „Nicht-Arbeiten“ oder „Nur-Einen-Job-Haben“ als persönliches Versagen gewertet wird.
Persönliche Anmerkung von der Seitenlinie: Insofern ist es einerseits nicht verwunderlich und andererseits grundsätzlich begrüßenswert, wenn viele junge Berufseinsteiger heute versuchen ganz klare Trennlinien zwischen Arbeit und Leben zu ziehen, in dem auf die sogenannte Work-Life-Balance gepocht wird. Dieses Verhalten scheint schon soziale Rektion auf die veränderten Bedingungen von "Arbeit" zu sein. 🤔
4. Politische Blindheit
Workism blockiert notwendige gesellschaftliche Debatten und Reformen.
- Verfehlte Politik: Weil Arbeit immer noch als heilig und als einzige Quelle von Würde und gesellschaftlichem Wert des Individuums angesehen wird (wir erinnern uns mancher zugespitzter Politiker-Äußerungen von faulen Lehrern, zu vielen Menschen in Teilzeit etc. etc.), zögern Politiker, Sozialsysteme zu reformieren (z. B. bedingungsloses Grundeinkommen, starke Arbeitszeitverkürzung), aus Angst, die Menschen könnten „faul“ werden.
- Fehlende Vorbereitung auf die Zukunft: Die Besessenheit oder soll ich sagen ideologische Verbohrtheit hinsichtlich des Begriffs der Vollbeschäftigung verhindert, dass sich die Gesellschaft gedanklich auf eine Zukunft vorbereitet, in der KI und Automatisierung massiv Arbeitsplätze überflüssig machen könnten. Anstatt neue Wege der Sinnstiftung jenseits der Erwerbsarbeit zu entwickeln, klammert man sich krampfhaft an das alte Modelle von Beschäftigung im Industriezeitalter.
Der Beitrag wurde erstellt von Gerald G., wobei die KI Euria vom Schweizer Unternehmen Infomaniak arbeitsbegleitend (!!!) zur Anwendung kam.
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